3. Advent in Damaskus

Syrien christliche Heimaterde
Ein Gruß von Pfarrer Ulrich Lindl aus Damaskus zum III. Advent
 

Es ist fast wie im Frühling: Sonne und 20 Grad. Selbst für Damaskus ungewohnt freundlich. Und es weihnachtet sehr. Überall im christlichen Viertel der Altstadt wird vorbereitet und geschmückt. Weihnachtslieder sind schon zu hören. Für einige Tage bin ich nach Damaskus zurückgekehrt und es ist schon so etwas wie heimkommen. Ein herzlicher Empfang in der Pfarrei St. Kyrillos.

Ein Wiedersehen mit Pater Josef und Pater Georg. Beide sprechen sehr gut Deutsch, in Deutschland haben sie auch schon als Seelsorger gewirkt. Mit dem Christkönigs-Institut in Meitingen verbindet sie eine jahrzehntelange Freundschaft. Die Pfarrjugend bastelt gerade für den Flohmarkt kleine Christbäume und die Pfadfinder -es gibt über 250 davon- haben gestern eine große Kleideraktion abgeschlossen. In der Pfarrei haben sie Kleidung gesammelt, die jetzt zu Weihnachten verschenkt wird. Man hilft sich gegenseitig.


Heute, am 3. Advent, durfte ich bei der 11 Uhr Messe konzelebrieren und ein Grußwort an die Gemeinde richten. Freilich nicht auf Arabisch, Pater Josef hat übersetzt. Alle fünf Sonntagsmessen sind bestens besucht, eine lebendige katholische Pfarrei mitten in Damaskus. Und gleich nebenan ist eine große griechisch-orthodoxe Kirche. Wieder einmal für mich ein Grund zur Freude, dass wir Christen doch weltweit Brüder und Schwestern haben - und in guten und schweren Zeiten zusammenhalten.
Heimkommt man in Damaskus aber wohl auch deshalb, weil wir Christen hier die Heimaterde unseres Glaubens betreten. Paulus wurde hier berufen und im Haus des Hananias getauft. Die Kapelle im Haus des Hananias liegt wohl fünf Meter unter dem heutigen Straßenniveau. Ideal zum Beten. Wo früher Pilgerströme die engen Gassen füllten, sieht man heute weder Pilger noch Touristen. Vor sieben Jahren begann die Syrienkrise. Sie hat vor allem den Norden des Landes schwer getroffen. Aleppo, der Geburtsort von P. Josef, ist in seinem von den Islamisten besetzten Ostteil völlig zerstört und auch Homs. 13 Millionen Syrer sind mittlerweile auf der Flucht. Die meisten sind Flüchtlinge im eigenen Land. Eine Stadt wie Jeraman, kaum 30 Autominuten südlich von Damaskus, mit seinen 500 000 Einwohnern muss eine dreiviertel Million Flüchtlinge verkraften. Dabei haben die Menschen dort selbst kaum das Nötigste.
Bei alledem ist es kaum fassbar, wie gelassen und freundlich einem die Menschen auf der Straße begegnen. Offenbar haben sie gelernt, mit der Krise -die Syrer selbst sprechen nicht von „Krieg“- umzugehen. Man kann wohl auch kaum so viele Jahre im Ausnahmezustand leben.
Und es ist ein großes Aufatmen, dass der islamische Staat aus dem Land vertrieben werden konnte. Andere islamistische Terrorgruppen sind freilich geblieben. Die Al-Nusra-Front hat ihre Stellung nur wenige Kilometer von St. Kyrillos aufgebaut. Immer wieder hört man Detonationen und Granateneinschläge. Allein die Pfarrei St. Kyrillos hat 37 gefallene Wehrdienstleistende zu beklagen. Menschen werden getroffen, Häuser beschädigt. Und doch wirken die Menschen ruhig. Es liegt eine hoffnungsvolle Ahnung in der Luft, das Schlimmste vielleicht überstanden zu haben.

Die Syrer haben mit Flüchtlingen Erfahrung. Vor der Syrienkrise waren vor allem sie es, die Flüchtlinge aus dem Irak aufgenommen haben. Und jetzt?
Sechs Millionen Syrer sind außer Landes, die meisten aber in der Nähe zu Syrien geblieben, bei Verwandten oder in den großen Flüchtlingscamps im Libanon, in Jordanien und in der Türkei.
Was gerade Syrien und der Libanon leisten, ist bemerkenswert. In der Bekaaebene finden sich große Zeltstädte. Hier werde ich am Dienstag mit Schülern und Lehrern zusammentreffen. Die Diözese Augsburg unterstützt dort Schulprojekte, die den Flüchtlingskinder eine Ausbildung vermitteln und wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag ermöglichen.
„Die allermeisten Syrer wollen sobald wie möglich zurück. Sie lieben ihre Heimat!“, erfahre ich von Jesuitenpater Michel. Ihn habe ich gestern gesprochen. Neben Schulprojekten ist es vor allem die Nothilfe, die der Jesuit Refugee Service organisiert: In Ostaleppo werden täglich 60000 Mahlzeiten ausgegeben, im christlichen Krankenhaus jede Woche 4000 Patienten behandelt. Ein neues Krankenhaus im Ostteil konnte vor zwei Monaten seinen Betrieb aufnehmen. In Jeramana organisieren sie Sozialprojekte, die getragen werden von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Denn Flüchtlinge haben ja nicht nur ihre Häuser verlassen, sondern Familie, Freunde und einen großen Teil ihres sozialen Lebens verloren. Besonders tragisch ist für Pater Michel das Schicksal der vielen elternlosen Kinder. Es braucht einen neuen Zusammenhalt von Mensch zu Mensch.
Und wie sieht die Zukunft aus? Pater Michel sagt, dass es vor allem darum geht, Frieden und Sicherheit in Syrien wieder herzustellen. Dazu braucht es die gemeinsame Verantwortung aller politischen und religiösen Gruppen. Und Vertrauen muss wieder aufgebaut werden. Darauf legen die Erziehungsprogramme der Jesuiten besonderen Wert. Und über die Kinder erreichen wir auch die Eltern.
Und die Christen? Die Christen braucht der gesamte Nahe Osten. Weil es die Wiege des christlichen Glaubens ist, aber auch deshalb, weil auf den Beitrag der Christen nicht verzichtet werden kann.

Es leben wohl noch 6% Christen im Land. Ein Drittel der Christen hat Syrien verlassen. Auch in der Pfarrei St. Kyrillos mit ihren ehemals 15000 Katholiken. Die Mehrheit aber ist geblieben.
Gerade für sie ist der Apostel Paulus ein Mutmacher in schweren Zeiten. Wohl kaum einer hat mehr durchlitten und durchgestanden als er, der Völkerapostel. In der Lesung zum 3. Adventsonntag ruft er auf zur Freude. „Freut Euch im Herrn allezeit!“ Und er ruft auf zum Gebet. „Betet ohne Unterlass!“
Die Erfahrung, dass Gott nicht enttäuschen kann, wenn wir ihm vertrauen, ist zur festen Gewissheit seines Glaubens geworden. Am Ende der Lesung macht er Mut: „Gott, der euch beruft, ist treu. Er wird es tun.“ (1. Thess 5,24) Dieser Zuspruch klingt in Damaskus wie ein Ansporn aus- und durchzuhalten.
Über die Christen in Syrien darf sich Paulus freuen. Es sind Menschen, die wirklich fest im Glauben stehen und aus ihrem Glauben leben mit viel Willen zum Guten. Sie hoffen sehnlichst auf die Botschaft von Weihnachten: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen, die guten Willens sind!“ Syrien hat wieder Frieden verdient.

Beten wir mit ihnen. Sie sind unsere Brüder und Schwestern. Wir alle sind eine große Familie.


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